Zwischen Kulturschocks und Abschiedstränen – wie gelebte Gastfreundschaft interkulturelle Kompetenz fördert
Der Schüleraustausch zwischen dem Robert Schuman Gymnasium Saarlouis und der Kitazono Highschool Tokyo
Tokio – Old Meets New
Dieser Schriftzug begrüßt die Schülerinnen und Schüler des einwöchigen Austauschprogramms zwischen dem Robert-Schuman-Gymnasium Saarlouis und der Kitazono High School Tokyo im Herbst 2025, sobald sie die ersten Schritte aus dem Flughafen hinaus in die noch unbekannte, kaum zu begreifende Megastadt setzen. Kaum eine andere Stadt vereint moderne, dicht bebaute Hochhauslandschaften und technologische Innovationen so harmonisch mit traditionellen Ritualen und historischen Orten wie Schreinen.
Diese faszinierenden Eindrücke sollten die sieben Schülerinnen und drei Schüler im Alter von 15 bis 17 Jahren in der folgenden Woche im Rahmen ihres bereits zum zweiten Mal stattfindenden interkulturellen Austauschs mit ihren japanischen Austauschpartnerinnen und -partnern in den Gastfamilien teilen. Beidseitige Kulturschocks waren dabei nicht nur zu erwarten, sondern wurden später auch reflektiert und gemeinsam ausgewertet.
Ein weiterer Schwerpunkt des Programms bestand darin, nachhaltige Aspekte der Stadtentwicklung Tokios zu beobachten und zu bewerten. Gemeinsam mit ihren japanischen Mitschülerinnen und Mitschülern diskutierten die Teilnehmenden über Handlungsmöglichkeiten und Lösungsansätze und setzten sich kritisch mit den unterschiedlichen Herangehensweisen an Umwelt- und Stadtentwicklungsfragen auseinander.
Beobachtungen der Schülerinnen und Schüler im Hinblick auf die nachhaltige Stadtentwicklung
Grüne Inseln und vertikale Gärten in der Megacity
Bei einem Spaziergang durch den Yoyogi-Park in der Nähe des Meiji-Schreins (Bild 1) beobachten die Schülerinnen und Schüler zahlreiche Bemühungen, die Stadt lebenswerter und grüner zu gestalten. Alte Parkanlagen werden modernisiert, neue Grünflächen angelegt und Hauswände werden als vertikale Gärten zum urban gardening verwendet.
An vielen öffentlichen Gebäuden hängen Banner, die auf aktuelle Nachhaltigkeitsprojekte aufmerksam machen und erläutern, welche Ziele der Agenda 2030 hier konkret umgesetzt werden. Doch auch von Seite der Schülerinnen und Schüler werden kritische Stimmen laut. Trotz der sichtbaren Zeichen für Nachhaltigkeit bleibt der hohe Ressourcenverbrauch in der Metropole. Etwa durch den massiven Einsatz von Plastik, der vor allem in den Convenience Stores (Konbini) sichtbar wird.
„Schau mal, eine einzelne Banane ist in Plastik eingepackt“
Trotz aller Umweltinitiativen fällt der enorme Plastikverbrauch sofort auf. Lebensmittel werden häufig mehrfach verpackt, manchmal sogar einzeln in Folie eingeschweißt (Bild 2). Gleichzeitig gibt es in ganz Tokio erstaunlich wenige öffentliche Mülleimer. Der Grund dafür liegt einerseits in dem starken Bewusstsein für Sauberkeit und Eigenverantwortung, da Müll mit nach Hause genommen wird, um ihn dort zu entsorgen. Andererseits spielen auch Sicherheitsaspekte eine Rolle, da nach Anschlägen in den 1990er-Jahren viele Abfallbehälter aus dem öffentlichen Raum entfernt wurden.
Japan zählt laut Statista mit dem Export von über 600.000 Tonnen Plastikmüll auf dem Weltweit ersten Platz der Plastikmüllexporteure. Nach Angaben von Martin Kölling im Handelsblatt steht auch die japanische Regierung vor der Herausforderung, den immens hohen Verbrauch von Plastikverpackungen zu reduzieren. Im internationalen Vergleich zählt Japan zu den Ländern mit dem größten Anteil an Einwegplastik: Pro Kopf fallen jedes Jahr rund 37 Kilogramm an und damit etwa doppelt so viel wie in Deutschland. Bis zum Jahr 2030 soll dieser Wert um ein Viertel sinken. Das Ziel lautet, die Abhängigkeit von Plastik deutlich zu verringern und zugleich das Land weitgehend von Plastikmüll zu befreien. Anders als viele europäische Staaten setzt Japan dabei jedoch weniger auf Pfandsysteme oder zusätzliche Abgaben, sondern vielmehr auf technologische Innovationen, neue Materialien und Aufklärung in der Bevölkerung (Kölling, 2022). So stellten die deutschen Schülerinnen und Schüler heraus, dass während in deutschen Supermärkten der Trend zu Mehrwegverpackungen zunimmt, in Japan das Prinzip der Einwegverpackung vorherrscht.
Zwischen Teezeremonie und Schnick-Schnack-Schnuck
Im Rahmen unseres Austauschprojekts mit der Kitazono High School in Tokyo erhielten unsere Schülerinnen und Schüler tiefe Einblicke in den japanischen Schulalltag. Die Begegnung begann mit einer herzlichen Willkommenszeremonie, die von zwei Schülerinnen zweisprachig moderiert wurde. Tanz- und Musikaufführungen, eine traditionelle Teezeremonie (Bild 3), bei der wir lernten, Matcha zuzubereiten, sowie kurze Vorträge über die japanische Kultur gaben einen ersten Eindruck vom vielfältigen Schulleben.
Bemerkenswert war die Offenheit der japanischen Jugendlichen, die auch unsere Schülerinnen und Schüler überraschte, da das stereotype Bild der zurückhaltenden Japaner zunächst noch in ihren Köpfen verankert war. Anders als an vielen anderen Schulen gibt es an der Kitazono High School keine Schuluniform. Dies wurde während der Willkommensfeier als Ausdruck von Individualität und Toleranz durch die japanischen Schülerinnen hervorgehoben. Viele unserer Schülerinnen und Schüler empfanden diese Atmosphäre als besonders einladend und respektvoll und nahmen die Gastfreundschaft zum Anlass, sich selbst auf Japanisch vorzustellen und erste Kontakte zu knüpfen.
Nach der Zeremonie verließen die Schülerinnen und Schüler die gewohnte Umgebung in der Obhut der betreuenden Lehrkräfte Florian Bohr und Franca Blank und es folgte der Einzug in die Gastfamilien der Rückblickend den Startschuss für intensive kulturelle Lernerfahrungen gab.
Den Alltag der Japanischen Jugendlichen miterleben
In den Gastfamilien angekommen, schickten die deutschen Schülerinnen und Schüler erste Fotos ihrer gemeinsamen Abendessen. Die Auswahl reichte von Besuchen in Sushi-Restaurants, die von Robotern betrieben wurden, bis hin zum gemeinsamen Zubereiten von Takoyaki (Oktopusbällchen) in den Gastfamilien.
„Vor jeder Mahlzeit sagten wir ‚Itadakimasu‘ und danach ‚Gochisousama deshita‘ .Das zeigt die Dankbarkeit für das Essen“, erklärt eine Teilnehmerin. Wobei hier unterschiedliche Gewohnheiten auffielen.
„In Japan isst man morgens Mahlzeiten, die bei uns als Hauptgericht gelten. Das war mein größter Kulturschock.“
In den folgenden Tagen wurde jedoch nicht nur die japanische Küche schätzen gelernt, sondern auch traditionelle Aktivitäten ausprobiert. So besuchten einige Schülerinnen mit ihren Gastfamilien die berühmten Onsen (heißen Quellen) oder unternahmen Ausflüge in verschiedene Stadtteile Tokios. Auch hier blieben die Schülerinnen und Schüler nicht von Kulturschocks verschont. Viele der deutschen Schülerinnen und Schüler waren überrascht von der Organisation und Rücksichtnahme im öffentlichen Raum.
„Es ist zwar ein Klischee, aber es stimmt“, erzählt eine Schülerin. „In der Metro stellen sich alle geordnet an . Auf der Rolltreppe steht man links, damit Eilige rechts vorbeigehen können.“
Ein weiterer, häufig genannter Punkt war die außergewöhnliche Sauberkeit Tokios.
„Ich war sehr überrascht, dass trotz der wenigen Mülleimer nirgendwo Müll herumlag und auch die U-Bahnen sehr sauber waren“, berichtet eine Schülerin.
Viele durften die traditionellen Kimonos ihrer Austauschpartnerinnen anprobieren oder erhielten Einblicke in die Wochenendgestaltung, etwa bei Sportaktivitäten oder Chorproben. Zusätzlich wurde das Thema Gastfreundschaft immer wieder betont.
„In meiner Gastfamilie war es richtig schön. Alle waren begeistert, dass man da war und sie einem ihre Kultur näherbringen konnten.“ „Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass man sich für jede Kleinigkeit bedankt . Zum Beispiel für das Eingießen von Wasser oder das Betreten eines Raumes“, ergänzt eine andere Schülerin.
Nach dem Abendessen wurde häufig gespielt, wobei die Auswahl von Nintendo bis zu Kartenspielen reichte. Verständigung Probleme spielten hier keine Rolle. Auch deutsche Spiele wie Schnick-Schnack-Schnuck wurden den Gastfamilien beigebracht und man wuchs immer mehr zusammen.
Montags erlebten die Teilnehmenden einen echten Schultag an einer japanischen Highschool. Der besuchte Unterricht reichte von japanisch Unterricht bis hin zu Chemieunterricht auf japanisch. Besonders begeistert waren alle von dem Kalligraphie Unterricht (Bild 4) oder dem erlernen des traditionellen Instruments Shamisen.
Abschied mit einem weinenden und einem lächelnden Auge
Am Ende der Austauschwoche fand eine große Abschiedsfeier, die der Willkommensfeier in nichts nachstand. Der einzige Unterschied war, dass Fremden bereits Freunde wurden. Nach Vorführungen eines traditionellen Kendō-Clubs und der schuleigenen Band wurde es emotional, da es nach einer Woche voller gemeinsamer Erinnerungen hieß Abschied zu nehmen.
Trotz Sprachbarrieren und unzähligen beidseitigen Kulturschocks entstand eine tiefe Verbundenheit. Viele Jugendliche formulierten den Wunsch, diese Offenheit und Neugier auf andere Kulturen auch in ihrem Alltag in Deutschland beizubehalten und haben die japanischen Schülerinnen und Schüler herzlich eingeladen auch uns in Saarlouis am Robert Schuman Gymnasium zu besuchen.
Diese Begegnung hat gezeigt, dass interkulturelle Bildung weit über die Sprachkenntnisse hinausgeht. Gegenseitiger Respekt für die Andersartigkeit ist für einen funktionierenden Austausch essenziell.
Fazit und Dank
Für uns sowie unsere Schülerinnen und Schüler war diese Reise mehr als ein Austausch, da sie unser Bewusstsein für andere Kulturen verändert hat.
Ein besonderer Dank gilt dem Verband Deutscher Schulgeographie e.V Saarland, Asko Europa-Stiftung, dem La Maison Saarlouis, der Fahrschule KVI in Saarlouis, der Prowin Pronature und dem Kultusministerium Saarland, ohne die diesen Austausch durch ihre finanzielle Unterstützung erst ermöglicht haben. Ohne dieses Engagement wäre ein derart tiefgreifender interkultureller Austausch nicht denkbar gewesen. Wir hoffen, dass dieses Projekt auch künftig im zweijährigen Rhythmus fortgesetzt werden kann.
Kölling, Martin (2022): Japan kämpft mit Innovationen gegen den Plastikmüll. In: Handelsblatt – Asia Techonomics, 16. Februar 2022, 15:19 Uhr. URL: https://www.handelsblatt.com (letzter Zugriff: 30. Oktober 2025).
Abbildungen:
Bild 1
Bild 2
Bild 3